Daten im modernen Zivilschutz

In unserem letzten Beitrag haben wir umrissen, “Wie Daten die Immobilienwirtschaft verändern”. Heute widmen wir uns einem ganz anderen Bereich: der Bedeutung von Daten im Zivilschutz. Ob der Wichtigkeit des Themas finden sich Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen des Staates. Mit der Veränderung der Schwerpunkte treten aber auch immer mehr private Initiativen und Unternehmen in den Vordergrund.

CC0 Pixabay

Generell ist der Bereich unendlich weitläufig und kaum sinnvoll abzugrenzen, daher haben wir uns für heute ein verbindendes Element gesucht: Wasser.

Die beiden hier befragten Unternehmen könnten trotz gemeinsamer thematischen Schwerpunkte unterschiedlicher nicht sein und ergänzen sich dennoch wunderbar:

Für das 2016 gegründete DMA-Partnerunternehmen  Sobos GmbH, das mit seiner Hochwasser App PegelAlarm im Feld aktiv ist, hat sich dessen Gründer Johannes Strassmayr die Zeit für ein Gespräch genommen.

Für die seit 1851 bestehende und noch von Kaiser Franz Joseph bewilligte Institution Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), die auch Teil des DMA-Konsortiums ist, stand uns die “DMA-Datenstewardess” Monika Bargmann Rede und Antwort.

Die Lebensretter-App PegelAlarm der SOBOS GmbH

Die Geschichte von Pegelalarm beginnt bereits einige Zeit vor der Gründung (2016). Genauer: Bereits Ende 2013 bauten Johannes Strassmayr und Software-Architekt Enrico Bragante eine erste Orts- und Bedarfsbezogene App für Kremsmünster, die sie “KremsAlarm” nannten. Die beiden stammen selber aus Hochwassergebieten und kennen die Problematik daher gut. Die App sollte Menschen helfen, bei drohendem Hochwasser Schäden zu verhindern.

cc0 Pixabay

Das Konzept zeigte sich erfolgreich und Johannes machte sich auf die Suche nach weiteren Mitwirkenden. 2014 kam Günter Öller mit ins Boot und aus “KremsAlarm” wurde die erste “PegelAlarm” Version. 2016 folgte schließlich die Komplettierung des Gründungsteams durch den Rechtsexperten Johannes Öhlböck und die SOBOS GmbH wurde aus der Taufe gehoben.

Zum Start erhielten sie die “Projekt.Start” Förderung des FFG.

PegelAlarm Erfolge

Mit aktuell rund 45.000 Downloads der App (Stand Mai 2018), lässt sich das Hochwasserwarn-System PegelAlarm als durchaus etabliert bezeichnen. Im Hintergrund sammelt SOBOS für seinen Dienst PegelAlarm weltweite Wasserstandsdaten von verschiedenen Datenanbietern ein. Diese werden vereinheitlicht und über eine einfache Schnittstelle wiederum zur Verfügung gestellt. Kund_innen haben dadurch einen zentralen Zugriffspunkt für die Abfrage von Gewässerdaten. Infolge können Bewohner_innen von Hochwassergebieten ebenso wie Versicherungen, Gemeinden und Feuerwehren die PegelAlarm Gewässer-Benachrichtigungsdienste in Anspruch nehmen: Die Benachrichtigungen erfolgen entweder mittels der App selbst, per SMS, E-Mail und/oder Web. So kann sichergestellt werden, dass Nutzer_innen frühzeitig von Gefahrensituationen erfahren. Vervollständigt wird das Warnsystem durch den Verkauf und die Integration der Messstation RiverMeter, die vom oberösterreichischen Partnerunternehmen smart “media & technology” angeboten werden. Mit der Messstation können Nutzer_innen auch selber Daten bereitstellen, um die Gesamt-Ergebnisse zu verfeinern. PegelAlarm deckt mit seinen Angeboten derzeit den gesamten deutschsprachigen Raum und Großbritannien ab.

Das Geschäftsmodell konnte inzwischen im Auftrag von “Maschinenring” ausgeweitet werden: Die “Winterwarnung” bietet als Dienstleistung für Unternehmen eine Warnung bezüglich der Schneehöhe an.

PegelAlarm Hürden

Eine der größten Hürden zu Beginn war es, valide Daten zu bekommen. Es sind zwar von verschiedenen Stellen viele Daten vorhanden, doch viele davon stehen nicht als Open Data zur Verfügung. Es waren viele E-Mail, Anrufe, Empfehlungen durch Fürsprecher_innen sowie persönliche Treffen notwendig, um die Daten nutzen zu dürfen, die PegelAlarm inzwischen zu einer erfolgreichen App machen.

Eine weitere Hürde, die jedes StartUp kennt, ist, mit der eigenen Idee auch Geld zu verdienen. So ist es auch für das SOBOS GmbH-Team. Die Einnahmen wachsen zwar stetig – aber noch nicht genug, um ausschließlich davon leben zu können.

PegelAlarm Daten

Die PegelAlarm-App speist sich derzeit aus Insgesamt 45 Datenquellen. In etwa die Hälfte der Daten steht als Open Data zur Verfügung (etwa auf data.gv.at), die andere Hälfte stammt aus geschlossene Quellen (großteils Verwaltungen, zb das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, also das ehemalige Lebensministerium). Die über PegelAlarm aggregierten Daten werden über eine Datenschnittstelle kostenpflichtig anderen wieder zu Verfügung gestellt, was eine wichtige Einkommensquelle für SOBOS ist. Einen sehr hohen Stellenwert haben somit wertsteigernde Maßnahmen für den Weiterverkauf der Daten, die über eine REST-Schnittstelle angeboten werden. Auf Anfrage wird das Datenangebot zudem laufend ergänzt. Zum Einsatz kommen dabei sowohl aktuelle als auch historische Daten. Die extern gesammelten Daten werden um interne Daten (bspw. Nutzungsstatistiken) angereichert. Zudem werden aus den gesammelten Daten neue Daten generiert, wie Korrelationen oder Prognose-Wasserstände.

Aktuell fehlende Daten sind beispielsweise Niederschlagsdaten. Für genauere Prognosedienste wird eine Einbindung in Zukunft notwendig sein.

Kaiserliche Bewilligung bis heute aktuell: ZAMG

Ganz anders und doch verwandt liegt die Situation bei unserem zweiten heutigen Beispiel: Mit “Allerhöchster Entschließung” bewilligte Kaiser Franz Joseph am am 23. Juli 1851 die Errichtung “…einer Centralanstalt für meteorologische und magnetische Beobachtungen”, die auf eine Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zurückgeht.

Die weiterhin staatliche ZAMG teilt sich in zwei Bereiche: Einen Bereich, der der Bundesverwaltung unterliegt und der nicht auf monetäre Gewinne abzielt. Hier werden öffentliche Aufgaben erfüllt, die daher aus öffentlichen Geldern finanziert werden. Dazu gibt es seit 1990 einen privatwirtschaftlichen Bereich (Teilrechtsfähigkeit), der Geld verdienen darf und muss. Vor allem in diesem zweiten Bereich steht die ZAMG bei aller Altehrwürdigeit teils vor ähnlichen Herausforderungen, wie es junge Unternehmen tun.

Tätigkeitsbereiche ZAMG

Wissenschaft zum Mitmachen: Die kostenlose App „Naturkalender ZAMG“ dient der Beobachtung von Pflanzen und Tieren. (Foto: Spotteron)

Die Schwerpunkt, mit denen sich die rund 300 Mitarbeiter_innen der ZAMG beschäftigen finden sich in den Bereichen Wetter, Klima, Umwelt und Geophysik. Daraus hervor gehen Forschungsergebnisse, aber auch Produkte wie etwa Wettervorhersagen (allgemein und spezialisiert, z.B. Weinbauwetter, Segelwetter, Bergwetter, Eventwetter, Pistenwetter…), Klimareferenzkarten,  die Entwicklung von Vorhersagemodellen, Beratung beim Bau von Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energie (z.B. Windenergiegutachten für Windparks), Immissionsanalysen und -prognosen für Industrie und Gewerbe – aber auch Information, Beratung und Warnung bei Krisen- und Störfällen, Natur- und Umweltkatastrophen.

Die ZAMG und der Zivilschutz

Die Angebote der ZAMG im Bereich Katastrophen-/Zivilschutz umfassen ein weites Spektrum. So wird beispielsweise mit einem Index aus den meteorologischen Parametern Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit, Niederschlagsrate sowie kurz- und langwellige Strahlung Warnungen für Waldbrandgefahr generiert. Für die Lawinenwarndienste Österreichs und deren App SnowSafe, die von First Line Solutions GmbH betrieben wird, ist die ZAMG Datenlieferantin. Die österreichischen Lawinenwarndienste gibt es übrigens in allen Bundesländern außer Wien und Burgenland. Unter anderem für die Bauwirtschaft erstellt die ZAMG Erdbebengefährdungskarten. In diese Karten fließen Daten und historische Recherchen ein, die bis zu rund 500 Jahre zurück liegen! Brisante Themen werden auch im Bereich von Simulationen bearbeitet. So werden an der ZAMG etwa Ausbreitungsmodelle erstellt, um zu klären wie sich gefährliche Substanzen in der Atmosphäre ausbreiten, wie die etwa bei Nuklearunfällen oder Giftgasunfällen der Fall wäre. Aber auch Apps werden programmiert, die genau auf den Bedürfnissen unterschiedlicher Zielgruppen ausgerichtet sind. So wird beispielsweise an einer “Retter Wetter”-App speziell für Feuerwehren gearbeitet, die aktuell mit den Feuerwehren Niederösterreich getestet wird.

Nationales Business ZAMG

An dieser Stelle auch die Verwandtschaft zu Produkten von StartUps wie PegelAlarm ein Stück weit zu Tage. Einige gewichtige Unterschiede bleiben aber stets bestehen. So befindet sich der Markt für ZAMG-Produkte/Services nahezu ausschließlich in Österreich. Internationale agiert die ZAMG vor allem in Form von Zusammenarbeit mit anderen meteorologischen und geophysikalischen Organisationen, etwa über Programme wie der World Meteorological Organization und – ganz zentral – im Bereich nationaler und internationaler Forschungsprojekte. Klassisches Expandieren, wie es für junge Unternehmen häufig ganz oben auf der To Do Liste steht, ist für die ZAMG in der Form jedenfalls kein Thema.

ZAMG und Daten – eine Liebesgeschichte

Herzstück der Arbeit an der ZAMG sind Daten – und das bereits seit der Gründung 1851! Das betrifft sowohl Daten, die selber erhoben, als auch Daten, die von anderen Einrichtungen bezogen werden. Daten, die von anderen kommen, werden häufig im Austausch erworben, allerdings nur, solange das jenen Bereich der ZAMG betrifft, der dem Bund untersteht. Sobald es um einen Bedarf geht, der aus dem privatwirtschaftlichen Bereich der ZAMG entsteht müssen Daten wie in jedem anderen Unternehmen monetär erworben werden.

Vergleichbar sieht die Situation aus, wenn es um die selbst generierten Daten geht. So werden etwa Daten, die vom Bund erhoben werden, an die Allgemeinheit über data.gv.at kostenlos weitergegeben  (z.B. Messwerte der wichtigsten Wetterstationen, Daten der Erdbebenstationen, Sentinel-Satellitendaten, Klimareferenzkarten). Hingegen werden beispielsweise Messwerte u.a. an den Mitbewerb verkauft, der damit seine Vorhersagemodelle füttert. Es werden aber auch manche Daten nur für bestimmte Kund_innen kostenpflichtig erhoben, etwa durch das Aufstellen eigener Stationen bei größeren Veranstaltungen.

Auf ein Expermentierfeld hat sich die ZAMG erst kürzlich gemeinsam mit der Stadt Wien begeben. Gemeinsam experimentieren sie mit dem Internet of Things und statten etwa Ampeln mit Umweltsensoren aus. Unklar ist dabei noch, ob solcherart generierte Daten meteorologisch wertvoll sein können.  Normalerweise werden Werte wie Wind und Temperatur immer auf einer definierten Höhe über dem Boden und unter kontrollierten Bedingungen gemessen, was bei IoT jedoch nicht gewährleistet werden kann. In jedem Fall wird dieses Feld sicher ein Erweiterungsfeld der Zukunft sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.